
Farbtonmessung: Wie eine Lackiererei den Farbton exakt trifft
Ein Kratzer an der Beifahrertür, eine Delle im Kotflügel, ein neuer Stoßfänger nach dem Parkrempler: Technisch ist eine solche Reparatur meist überschaubar. Die eigentliche Herausforderung beginnt danach, denn der neue Lack muss zum Rest des Fahrzeugs passen. Und genau hier trennt sich sorgfältige Arbeit von einer Reparatur, die man später aus fünf Metern Entfernung sieht. Dieser Artikel erklärt, warum das Treffen eines Farbtons so aufwendig ist, wie moderne Lackierbetriebe dabei vorgehen und worauf Sie als Kundin oder Kunde achten können.
Warum reicht der Farbcode vom Typschild nicht aus?
Jedes Fahrzeug hat einen Farbcode, den der Hersteller vergibt. Man könnte annehmen, dass dieser Code eindeutig ist und die Lackiererei damit fertig ist. In der Praxis ist der Code aber nur der Startpunkt, nicht das Ziel.
Der Grund: Ein Farbcode beschreibt eine Rezeptur, nicht das konkrete Ergebnis an Ihrem Auto. Fahrzeuge desselben Modells werden in unterschiedlichen Werken, zu unterschiedlichen Zeiten und mit Lackchargen aus verschiedenen Produktionen beschichtet. Schon leichte Abweichungen in Rohstoffen, Schichtdicke oder Applikation führen dazu, dass es zu einem Farbcode mehrere sogenannte Farbtonvarianten gibt. Bei verbreiteten Silber-, Grau- und Weißtönen können das viele Varianten sein.
Dazu kommt die Alterung. Ihr Auto steht in der Sonne, wird gewaschen, poliert, im Winter mit Salz und Schmutz belastet. Rot- und Blautöne verändern sich über die Jahre sichtbar, aber auch Silber und Schwarz sind nach acht oder zehn Jahren nicht mehr identisch mit dem Neuzustand. Ein Lack, der exakt nach Werksrezeptur gemischt ist, kann deshalb auf einem älteren Fahrzeug deutlich abweichen.
Wo finde ich den Farbcode an meinem Fahrzeug?
Für die Werkstatt ist der Farbcode die erste Information, die eingelesen wird. Sie finden ihn in der Regel auf einem Aufkleber oder einer eingeprägten Plakette am Fahrzeug. Typische Stellen sind:
Im Türrahmen oder an der B-Säule der Fahrerseite
Unter der Motorhaube, oft am Federbeindom oder am Querträger
Im Kofferraum, unter dem Bodenbelag oder an der Reserveradmulde
Im Tankdeckel-Bereich oder an der Innenseite der Heckklappe
In der Serviceunterlage oder im Fahrzeugschein-Zusatzheft, je nach Hersteller
Die Bezeichnung unterscheidet sich je nach Marke: Manche Hersteller nutzen dreistellige Zahlen, andere Buchstaben-Zahlen-Kombinationen oder zusätzlich einen Klartextnamen wie einen Fantasiefarbnamen. Wenn Sie den Code vor dem Werkstattbesuch abfotografieren, erleichtert das die Vorbereitung. Zwingend nötig ist es nicht, denn eine Lackiererei findet die Angabe über die Fahrzeugidentifikationsnummer oder direkt am Fahrzeug.
Wie funktioniert die Farbtonmessung mit dem Spektralfotometer?
Weil der Code allein nicht genügt, wird der tatsächliche Ist-Zustand gemessen. Dafür kommt ein Spektralfotometer zum Einsatz, ein handliches Messgerät, das auf eine gereinigte, unbeschädigte Lackfläche aufgesetzt wird. Es beleuchtet die Fläche definiert und erfasst, welche Anteile des Lichts in welchen Wellenlängen zurückkommen.
Moderne Geräte messen dabei aus mehreren Winkeln. Das ist bei Metallic- und Perleffektlacken entscheidend, denn diese Lacke enthalten Aluminium- oder Perlglanzpigmente, die das Licht richtungsabhängig reflektieren. Ein Metallic wirkt im Direktlicht heller und aus dem schrägen Blickwinkel dunkler, dieser Effekt heißt Flop. Nur wenn er mitgemessen wird, lässt sich ein Effektlack sinnvoll nachstellen.
Die Messwerte gehen anschließend in eine Datenbank des Lackherstellers. Die Software vergleicht das Messergebnis mit den hinterlegten Varianten zum Farbcode und schlägt die Rezepturen vor, die am nächsten liegen. Der Lackierer sieht dabei auch, wie groß die berechnete Abweichung ist, und kann zwischen mehreren Treffern auswählen.
Wichtig ist, wo gemessen wird. Sinnvoll sind Flächen, die möglichst dem zu lackierenden Bauteil entsprechen und nicht bereits nachlackiert oder stark verwittert sind. Eine Motorhaube ist meist stärker ausgeblichen als eine Tür, ein Kunststoff-Stoßfänger kann von Werk aus leicht abweichen. Erfahrene Betriebe messen deshalb an mehreren Stellen und vergleichen die Ergebnisse.
Warum trotz Messung ein Spritzmuster nötig ist
Die Messung liefert eine Rezeptur, keine Garantie. Ob der gemischte Lack tatsächlich passt, zeigt sich erst, wenn er so verarbeitet wird wie später am Fahrzeug. Deshalb gehört ein Spritzmuster zum Standardablauf. Typischerweise sieht der Weg so aus:
Farbcode am Fahrzeug ermitteln und Lackaufbau prüfen, also Uni, Metallic, Perleffekt oder Mehrschichtlack.
Referenzfläche reinigen und gegebenenfalls leicht anpolieren, damit nicht Schmutz oder eine matte Oberfläche gemessen wird.
Mit dem Spektralfotometer an mehreren Stellen messen und die Ergebnisse mit der Herstellerdatenbank abgleichen.
Rezeptur auf der Mischwaage ausmischen, meist grammgenau nach Vorgabe.
Spritzmusterkarte oder Musterblech mit demselben Aufbau lackieren, also Grundierung, Basislack, Klarlack, in gleicher Schichtdicke und mit derselben Pistolen- und Düseneinstellung.
Muster trocknen und am Fahrzeug direkt neben der Reparaturstelle anhalten, bei Tageslicht und aus verschiedenen Winkeln beurteilen.
Bei sichtbarer Abweichung nachtönen, also gezielt einzelne Pigmente zugeben, und ein neues Muster spritzen.
Erst nach Freigabe des Musters das Bauteil lackieren.
Die Beurteilung des Musters ist ein Handwerk, das Erfahrung und gute Lichtverhältnisse braucht. Farbtöne werden unter verschiedenen Lichtarten unterschiedlich wahrgenommen, ein Effekt, der Metamerie genannt wird. Zwei Lacke können unter Leuchtstoffröhren identisch wirken und im Sonnenlicht deutlich auseinanderliegen. Deshalb wird bevorzugt bei Tageslicht oder mit tageslichtähnlichen Prüfleuchten kontrolliert.
Was ist Beilackierung und wann wird sie eingesetzt?
Manche Farbtöne, besonders helle Metallics und Dreischicht-Perleffektlacke, lassen sich auch bei sorgfältiger Messung nicht in einer harten Kante an das Nachbarteil anschließen. Wird nur die Tür lackiert, sieht man an der Fuge zum Kotflügel unter Umständen einen Übergang, obwohl der Farbton rechnerisch korrekt ist.
Die Lösung heißt Beilackierung: Der neue Basislack wird über die Bauteilgrenze hinaus in das Nachbarteil hinein auslaufend aufgetragen und dort weich ausgenebelt, der Klarlack wird bis zu einer unauffälligen Kante gezogen. Das Auge nimmt einen weichen Verlauf über eine größere Fläche kaum wahr, eine harte Kante dagegen sofort.
Beilackierung bedeutet mehr Aufwand, weil zusätzliche Flächen abgeklebt, angeschliffen und lackiert werden. Sie ist aber häufig der Unterschied zwischen einer unsichtbaren und einer erkennbaren Reparatur. Ob sie im Einzelfall nötig ist, hängt vom Farbton, vom Bauteil und von der Größe des Schadens ab und wird bei der Fahrzeugbesichtigung festgelegt. Wird die Reparatur über eine Versicherung abgewickelt, sollte die Beilackierung im Kostenvoranschlag ausgewiesen und mit dem Versicherer abgestimmt sein.
Woran erkennen Sie eine sorgfältige Farbtonarbeit?
Als Laie können Sie die Rezeptur nicht prüfen, wohl aber den Ablauf und das Ergebnis. Diese Punkte geben Orientierung:
Der Betrieb misst den Farbton am Fahrzeug und verlässt sich nicht ausschließlich auf den Code.
Es wird ein Spritzmuster erstellt und am Fahrzeug angehalten, bevor lackiert wird.
Sie werden vorab darauf hingewiesen, wenn eine Beilackierung sinnvoll oder nötig ist, und wissen, welche Flächen betroffen sind.
Der Lackaufbau wird genannt, also ob es sich um Uni, Metallic oder einen Dreischichtlack handelt, und was das für den Aufwand bedeutet.
Die Abnahme erfolgt bei Tageslicht und aus mehreren Blickwinkeln, nicht nur unter der Hallenbeleuchtung.
Bei stark ausgeblichenen Fahrzeugen wird offen gesagt, dass eine hundertprozentige Übereinstimmung nicht immer erreichbar ist.
Umgekehrt ist es ein Warnzeichen, wenn ein Farbton allein telefonisch anhand von Modell und Baujahr zugesagt wird oder wenn ein Musterschritt gar nicht vorkommt. Auch die Aussage, jeder Farbton sei immer exakt reproduzierbar, ist unrealistisch. Seriös ist die Einschätzung nach Sichtprüfung am Fahrzeug.
Was Sie selbst tun können - und wo die Grenze liegt
Für kleine Steinschlagpickel und feine Kratzer, die nur den Klarlack betreffen, gibt es Lackstifte und Politurlösungen. Hier steht kosmetische Verbesserung im Vordergrund, nicht ein perfekter Farbtreffer. Ein Lackstift nach Farbcode passt bei Unifarben oft akzeptabel, bei Metallic und Perleffekt bleibt der Punkt meist sichtbar, weil die Effektpigmente sich beim Auftragen mit dem Pinsel anders ausrichten als beim Spritzen.
Sobald eine Fläche betroffen ist, die man aus normaler Betrachtungsentfernung sieht, also Tür, Kotflügel, Stoßfänger oder Haube, geht es um Farbtonmessung, Spritzmuster und meist auch um den Übergang zum Nachbarteil. Das ist mit Sprühdose und Heimwerkerausstattung realistisch nicht zu lösen, weil Schichtdicke, Sprühbild und Trocknung nicht kontrollierbar sind. Hinzu kommt, dass Lackarbeiten Anforderungen an Arbeitsschutz und Emissionen unterliegen, die in einer Garage nicht erfüllbar sind.
Empfehlung: Farbton vor der Terminvergabe klären
Wenn eine Lackreparatur ansteht, klären Sie den Farbton möglichst früh und nicht erst am Tag der Abgabe. Sinnvoll ist ein kurzer Vorab-Termin, bei dem das Fahrzeug in Ruhe angesehen und gemessen wird. Dabei lässt sich beurteilen, wie stark der Lack gealtert ist, ob das betroffene Bauteil schon einmal lackiert wurde und ob eine Beilackierung eingeplant werden sollte.
Bringen Sie das Fahrzeug für diesen Termin gewaschen und trocken vorbei, damit die Messstellen sauber sind. Notieren Sie sich vorab den Farbcode, sofern Sie ihn finden. Und lassen Sie sich den geplanten Ablauf erklären: Messung, Ausmischen, Spritzmuster, Freigabe, Lackierung. Wenn diese Schritte benannt werden und im Kostenvoranschlag erkennbar sind, haben Sie eine belastbare Grundlage für Ihre Entscheidung. Konkrete Kosten hängen von Bauteil, Farbton und Schadensumfang ab und lassen sich seriös erst nach Besichtigung beziffern.
Foto: Jan van der Wolf / Pexels



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